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„Afghanistan braucht keine NATO-Truppen“
Dr. Reinhard Erös referierte über seine Arbeit in zivilen
Hilfsprojekten in Afghanistan


Nach einem hochinteressanten Vortrag zum Thema „Unter Taliban,
Warlords und Drogenbaronen“ zeigten viele Zuhörer Interesse an einem
handsignierten Buch des Referenten, des Afghanistanexperten
Dr. Reinhard Erös (vorne, links).

 

Steinach. (hab) „Die Situation in Afghanistan ist heute schlechter als vor dem Eintreffen der NATO-Truppen.“ Diese klare Aussage traf Dr. Reinhard Erös am Montagabend im Landgasthof Schmid in Wolferszell, wo er auf Einladung der Jungen Union Steinach-Münster ein hochinteressiertes Publikum über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Land am Hindukusch informierte, in dem nun schon seit 2002 die internationale Staatengemeinschaft, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, versucht, für Stabilität zu sorgen.

Gerade diese versuchte Stabilisierung ist Dr. Erös ein Dorn im Auge, hat ihm doch seine, wie er sagt, langjährige Erfahrung aus Einsätzen als Militärarzt für die UNO und internationale Hilfsorganisationen in Krisenregionen der ganzen Welt in der Meinung reifen lassen, dass niemals Militärpräsenz, Waffeneinsatz und Gewalt zu einem wirklichen Frieden beitragen können. Erös, der von 1986 bis 1990 unbezahlten Urlaub nutzte, um mit seiner Frau und vier Kindern in Ostafghanistan während der sowjetischen Besatzung „illegal“ Kranken und Verletzten zu helfen, gründete 1998 noch während der Taliban-Regierung die „Kinderhilfe Afghanistan“ und kehrte nach Afghanistan zurück. Seit seiner vorzeitigen Pensionierung 2002 organisiert er halbjährlich zusammen mit ausschließlich afghanischen Mitarbeitern in den Ostprovinzen und in grenznahen Flüchtlingslagern sogenannte Friedensschulen für Buben und Mädchen, Zukunftswerkstätten, Waisenhäuser oder Projekte wie „Obst statt Opium“ und „Licht in die Dörfer“. Den Rest des Jahres steht er in Deutschland für die Ausbildung deutscher Polizisten für Afghanistan zur Verfügung, sammelt Spendengelder für seine nur auf diesem Wege finanzierten Projekte oder informierte, wie in Wolferszell, über die tatsächliche Situation im Land am Hindukusch, in der Hoffnung, so einen Beitrag zum Umdenken auch bei den Politikern zu bewirken.

Unermüdlich greift er lautstark die Diskrepanz an zwischen den 79 Prozent der Bevölkerung, die gegen einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan sind, und den 73,2 Prozent, die im Bundestag dafür stimmen. Er äußert Bedenken, ob des Imageverlustes der Bundeswehr, wenn die abgeordneten Soldaten im Bewusstsein einer 82-prozentigen Infragestellung eines Erfolgs ihrer Tätigkeit in Deutschland Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes plagen. Kritisch geht Dr. Erös auch mit Politikern unterschiedlicher Parteien des Bundestages ins Gericht oder mit verantwortlichen Militärs und verteidigt gleichzeitig die nach seiner Meinung zu oft kritisierte Aussage der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands Margot Käßmann, dass „nichts gut ist in Afghanistan“.

Ständig müsse er von Politikerseite als Gründe für den Bundeswehr- und allgemein den Militäreinsatz in Afghanistan hören, dass nach dem 11. September an der Seite der USA die Al Qaida zu verfolgen sei und dort die Stabilisierung sowie die Verteidigung der Menschenrechte Ziel sei. In Wirklichkeit, so Dr. Erös, hätte keine der Hilfsorganisationen in Afghanistan in der Vergangenheit um Militärhilfe gebeten; erst deren Präsenz habe die Situation verschärft. Für ihn gehe es um den Zugang von Bodenschätzen im benachbarten Turkmenistan, die Vorbereitung für einen Krieg gegen den Iran und die allgemeine Stabilisierung der NATO.

Soldaten „blind, taub und stumm“

Ein Militäreinsatz weise nur Nachteile auf. Deutsche Soldaten seien „blind, taub und stumm“. Es würden Panzer geschickt, aber kein Soldat spreche die Sprache der Einheimischen, was eine Kommunikation ausschließe. Von den im Bundestag genehmigten 80 Millionen Euro Afghanistanhilfe würden laut Bundeszentrale für politische Bildung zwei Drittel für Korruption, Gehälter und Verwaltung ausgegeben. Erschüttert vernahmen die Zuhörer in Wolferszell die Daten aus der Gegenüberstellung des Einkommens beziehungsweise der Kosten von Mitgliedern der ausländischen Truppen im Vergleich zu denjenigen der afghanischen Bevölkerung. Die Anwesenheit der Ausländer helfe nicht bei der Stabilisierung des Landes, sondern zerstöre jegliche kulturelle und eigenverantwortliche Struktur des Landes. Über Jahrtausende wurde im Land Opium angebaut, ohne dass die Afghanen als Süchtige zu bezeichnen waren. Um den Einfluss der Ausländer in Afghanistan zur verdeutlichen, nannte Dr. Erös Zahlen. Waren es 2002 noch 500 Tonnen Opium im Jahr waren 2009 bereits 6900 Tonnen zu vermerken, von denen man, wie vom Westen gelernt, nun Heroin herstelle. Die Einnahmen aus dessen Export finanzieren die Terroristen. Dabei sieht Dr. Erös durchaus Möglichkeiten in einer für das Land gewinnbringenden positiven Nutzung des Opiums bei der Herstellung von Medikamenten für den Export beispielsweise in die Nachbarstaaten. Momentan verdienten die Drogenbarone und die Warlords, die Söldnerheerführer, die ein verständliches Interesse daran hätten, den Krieg fortzuführen.

Das Militär, die NATO, helfe nicht, das Land zu stabilisieren, sondern zu zerstören. Statistisch kämen momentan täglich 2,1 Soldaten dort ums Leben; die Tendenz gehe Richtung Verdoppelung, so dass heuer bis zu 1000 tote Soldaten zu erwarten seien. Waren es 2006 noch 929 in Folge von Kampfhandlungen getötete Zivilopfer, waren es 2009 bereits 2412, dabei mehr als die Hälfte durch Auseinadersetzungen mit den NATO-Truppen.

Friedliche Hilfe zur Selbsthilfe

Die einige Chance für das Land Afghanistan sieht Dr. Erös in der Hilfe zur Selbsthilfe. Seiner Meinung nach und das plädiere er sowohl international, wenn er als renommierter Afghanistanexperte Gehör findet, wie auch vor den Zuhörer im Saal des Landgasthofs Schmid in Wolferszell, müsse das Militär umgehend aus dem Land abgezogen werden. Die freiwerdenden Gelder könnten für afghanische Lehrer, für Schulen, für Infrastruktur und für Selbsthilfeprojekte ausgegeben werden. Es gäbe keine 1000 tote Soldaten pro Jahr, 200 Kinder pro Jahr müssten nicht sterben. Auf die Frage, ob dann nicht die Taliban wieder zurückkehren würden, konnte Dr. Erös nur antworten,  dass sich die Situation seit 1996 verändert habe und kein Land mehr die Taliban unterstützen würde, diese so auch in Afghanistan nicht mehr zu fürchten wären.

 

Bericht und Foto: Irene Haberl, Straubinger Tagblatt, 18.05.2010.